EN FR DE


Biographie


PDF - 229.5 kB

-  Persönliche Daten

-  Meine Zusammenarbeit mit INREES

-  Meine erste Berührung mit NTEs

-  Meine Begegnungen

-  Meine Auslegung der NTEs

-  Meine Interpretation der NTE als Gesellschaftsphänomen

-  Mein Roman „Engelchens Land"

Persönliche Daten
Ich bin 1954 in Bern (Schweiz) geboren und lebe seit vielen Jahren in der Nähe von Genf. Seit rund 30 Jahren widme ich den Großteil meiner Zeit der Forschung von Nahtoderfahrungen (NTE) und dem Schreiben von Büchern und Artikeln über dieses Thema. Ich halte Vorträge in der Schweiz und im Ausland und nehme an internationalen Kongressen teil, die sich mit Nahtoderfahrungen und Bewusstseinsforschung im Allgemeinen beschäftigen.

Ich bin europäische Koordinatorin für IANDS (International Association for Near-Death Studies = Internationale Vereinigung für Nahtoderfahrungen) und Beraterin für internationale Beziehungen des Netzwerkes Nahtoderfahrung IANDS Deutschland. In diesem Rahmen, wie auch in anderen Zusammenhängen, schreibe ich regelmäßig Beiträge für Sammelwerke und Kongressbände, zugänglich unter < Bücher – Sammelwerke >
http://www.elsaesser-valarino.com/-...

Ich bin ebenfalls Ehrenmitglied des SEDEL (Sociedad Española para la Difusión de la Espiritualidad = Spanische Gesellschaft für die Verbreitung der Spiritualität). Ausserdem bin ich seit vielen Jahren Koordinatorin des Scientific and Medical Networks (Wissenschaftliches und medizinisches Netzwerk) für die Schweiz.

Zudem habe ich in meiner Eigenschaft als Mitglied des wissenschaftlichen Ausschusses und als Ehrenmitglied des INREES (Institut de Recherche sur les Expériences Extraordinaires = Forschungsinstitut für Aussergewöhnliche Erfahrungen) eine intensive Zusammenarbeit mit diesem Forschungsinstitut entwickelt, welches Sitz in Paris hat.

Ausweitung der Forschungsgebiete

Seit ungefähr zehn Jahren widme ich mich der Studie des Bewusstseins der Todesnähe (Nearning-Death Awareness NDA), insbesondere der Sterbebettvisionen (Deathbed visions).
Definition: Dieser Begriff beschreibt einen besonderen, erweiterten, Bewusstseinszustand, der scheinbar durch die Todesnähe ausgelöst wird. In diesem Bewusstseinszustand verfügen die Sterbenden über ein bestimmtes Wissen über den Sterbeprozess. Aufgrund dieses Wissens ist es den Betroffenen möglich, den Sterbeprozess innerhalb bestimmter Grenzen zu beeinflussen und sich auf besondere Weise, nämlich in symbolischer Sprache, auszudrücken. Die Tatsache dass diese Menschen auch begreifen, was sie für einen friedlichen Tod brauchen, wird ebenfalls auf das Bewusstsein der Todesnähe zurückgeführt.

Während der Sterbebettvisionen, welche eine wesentliche Komponente dieses Phänomens darstellen, können die Sterbenden – und nur sie – verstorbene Bezugspersonen oder religiöse und mystische Wesen sehen und hören und sich mit ihnen auf telepathische Weise unterhalten. Die Aufgabe dieser Entitäten scheint es zu sein, die Sterbenden ohne Angst und Gefahr in die „andere Welt“ zu begleiten. Diese Visionen werden als tief beruhigend und wunderschön erlebt und die Todesangst wird gelindert oder entschwindet gänzlich. Es wird auch von Visionen unbekannter und herrlicher Landschaften berichtet, die als die „andere Welt“ bezeichnet werden.
Forschungsgeschichte: Die erste große wissenschaftliche Untersuchung der Sterbebettvisionen wurde von Sir William Barrett vom Royal College of Science in Dublin durchgeführt (Barrett, 1926). Darauf folgten mehrere Forschungsprojekte welche vom lettischen Psychologen Karlis Osis und vom isländischen Professor Emeritus für Sozialwissenschaften Erlendur Haraldsson in den USA und in Indien unternommen wurden (Osis und Haraldsson, 1977).
Die amerikanischen Hospizkrankenschwestern Maggie Callanan und Patricia Kelley haben das Phänomen der Sterbebettvisionen auf andere Manifestationen erweitert, die sich ebenfalls in einem durch die Todesnähe erzeugten erweiterten Bewusstseinszustand ereignen. Sie haben die Gesamtheit dieser Phänomene in den von ihnen geprägten Ausdruck „Nearing-Death Awareness“ eingeschlossen (Callanan und Kelley, 1997).
Aktueller Stand der Wissenschaft: Pflegende im Bereich Palliativmedizin kennen das Phänomen des Bewusstseins der Todesnähe sehr gut, insbesondere die Sterbebettvisionen dessen Vorkommen sie als „sehr häufig“ bezeichnen. Die Forschung dieser Erfahrungen ist wenig fortgeschritten und stellt insbesondere aus zwei Gründen ein Problem dar: es gibt keine direkten Zeugenaussagen (die Patienten sterben kurz nachdem sie die Vision erlebt haben); Forschungsprojekte im Spitalbereich welche Pflegende betreffen (die Zeugen der Erfahrungen und Visionen ihrer Patienten) sind schwierig durchzuführen und benötigen dazu oft noch eine Bewilligung der Ethikkommissionen.

Ein drittes Phänomen rund um den Tod, nämlich die Nachtodkontakte, hat in den letzten Jahren mein Interesse geweckt und mich dazu geführt, diese Erfahrungen intensiv zu studieren.
Definition: Es werden sehr unterschiedliche Phänomene als „Nachtodkontakte“ bezeichnet; die erste Kategorie betrifft spontane und direkte Kontakte, die anscheinend von den Verstorbenen initiiert werden und die Empfänger oft überraschen. Bei der zweiten Kategorie handelt es sich um Kontakte, die von den Trauernden unter Einbezug von Mediumismus (channelling) in sogenannten Séances (Sittings oder Readings), Ritualen, oder mit Hilfe von technischen Hilfsmitteln (Instrumental Transcommunication ITC) herbeigeführt werden.
An dieser Stelle stelle ich ausschließlich die Nachtodkontakte der ersten Kategorie vor. Die amerikanischen Forscher Jody Long und Jeffrey Long beschreiben diese Kontakte als eine „spontane Erfahrungen einer Kommunikation mit einem verstorbenen Verwandten oder Bekannten“ mit der folgenden Definition:
—  Spontan: die Erfahrung erfolgt ohne Absicht und ohne erkennbare äussere Ursache
—  Kommunikation: benennt eine geteilte oder übertragene Information, welche durch die fünf Sinne oder durch außersinnliche Wahrnehmungen erhalten wird.
—  Verstorben: heisst, dass das Wesen vor dem Ableben als Mensch in einem Körper gelebt hat (diese Definition schliesst sprituelle Wesen wie Engel aus)
—  Verwandte oder Bekannte: bedeutet, dass der Empfänger die Person vor ihrem Ableben persönlich kannte

http://www.adcrf.org/ADCRF%20Resear... Methodology

Die Nachtodkontakte sind von sehr unterschiedlicher Art und Intensität. Ein Nachtodkontakt ist immer an ein Ableben gebunden. Die meisten Kontakte ereignen sich im Jahr, das dem Ableben folgt, mit einer starken Konzentration auf die ersten sieben Tage, insbesondere die ersten 24 Stunden nach dem Todesfall. Es kommt jedoch vor, dass ein Kontakt Jahre oder Jahrzehnte nach dem Ableben auftritt, insbesondere die Nachtodkontakte, die eine schützende oder warnende Funktion haben.

Im Gegensatz zu der weit verbreiteten Annahme, dass Nachtodkontakte Illusionen sind, die verzweifelte Trauernde heimsuchen zeigt die Forschung, dass die Kontakte in den meisten Fällen auftreten, wenn der Empfänger ruhig ist, nicht an den Verstorbenen denkt und seinen Alltagsbeschäftigungen nachgeht. Die Kontakte sind normalerweise von kurzer Dauer (zwischen ein paar Sekunden und ein paar Minuten), die kombinierten Kontakte dauern länger.

Nachtodkontakte sind so häufig, das man nicht mehr von einer aussergewöhnlichen sondern von einer gewöhnlichen Erfahrung sprechen sollte. Guggenheim und Guggenheim schätzen, dass 20-40% der amerikanischen Gesamtbevölkerung einen oder mehrere Nachtodkontakte erlebt haben.
http://www.after-death.com/

Nachtodkontakte vermitteln das Gefühl, dass der verstorbene Angehörige weiterlebt, dass er glücklich ist und auf den Empfänger achtgibt. Die Kontakte sind geprägt von Liebe und Fürsorge, bringen Trost und lindern den Schmerz der Empfänger. Für sie ist das Erlebnis real, sie befolgen die Ratschläge, die sie im Zuge des Kontaktes erhalten haben, passen in der Folge ihr Glaubenssystem an und entwickeln eine neue Vorstellung vom Leben und vom Tod. LaGrand stellt fest, dass „diese Erfahrungen in ein paar Sekunden zu therapeutischen Veränderungen führen, die sonst erst nach Monaten, ja sogar erst nach Jahren, eintreten würden. Sie verändern die Sichtweise, die der Empfänger über den Verlust des geliebten Menschen hat, völlig“ (LaGrand, 2008).
Stand der Wissenschaft: Obwohl die Okkurrenz-Rate der Nachtodkontakte sehr hoch ist wurde das Phänomen nur zum Teil erforscht und viele Aspekte sind heute noch vollkommen unbekannt. Nachtodkontakte werden in der Fachliteratur meistens im Zusammenhang mit der Trauerbearbeitung erwähnt. Die Kontakte mit Verstorbenen sind ein wesentliches Element der Trauerbewältigung da sie von Natur aus ganz klar therapeutisch sind, vorausgesetzt, dass sie in angebrachter Weise in den emotionalen Heilungsprozess eingebunden werden der dem Trauma des Verlusts eines geliebten Menschen folgt (LaGrand, 2011).
Ein Sammelband von Zeugenberichten: In den Vereinigten Staaten kennt die breite Öffentlichkeit die Nachtodkontakte recht gut, insbesondere dank einem Sammelband von 350 kommentierten Zeugenberichten, welchen Bill und Judy Guggenheim unter dem Titel „Hello from Heaven“ (1995) veröffentlicht haben und der ein Bestseller wurden (deutsche Ausgabe unter dem Titel „Trost aus dem Jenseits“, 2007). Angesichts der Überzeugungskraft und der Schönheit dieser Berichte habe ich beschlossen, „Hello from Heaven“ ins Französische zu übersetzen und mit einer ausführlichen Einführung zu versehen. Die Übersetzung erschien im November 2011 unter dem Titel „Des nouvelles de l’au-delà“ bei Exergue in Frankreich.

Heute binde ich stets die drei Arten von außergewöhnlichen Erfahrungen rund um den Tod in meine Schriften und in meine Vorträge ein, da nur ein integrativer Ansatz eine globale Sichtweise anbietet die es erlaubt, die wahre Bedeutung dieser Phänomene zu verstehen und die es ermöglicht, einen Link zwischen diesen Erfahrungen herzustellen, die eindeutig einen gemeinsamen Sockel zu haben scheinen.

Meine Zusammenarbeit mit INREES
Vorstellung vom INREES (Institut de Recherche sur les Expériences Extraordinaires = Forschungsinstitut für Außergewöhnliche Erfahrungen)

Stéphane Allix, Gründer und Präsident vom INREES, ist Filmproduzent, Journalist und Schriftsteller. Er ist der Filmregisseur der Dokumentarserie „Enquêtes extraordinaires“ (Außergewöhnliche Ermittlungen) welche vom französischen Fernsehkanal M6 ausgestrahlt wurde.

INREES wird von Ärzten, Psychologen und Forschern unterstützt sowie auch von Filmproduzenten, Schriftstellern und anderen Leuten die den Wunsch haben, einen neuen Blick auf außergewöhnliche menschliche Erfahrungen zu werfen – mit Methodik aber auch mit einer offenen Einstellung. INREES verfolgt das Ziel, die Kenntniss dieser Phänomene, die oft gänzlich verkannt oder falsch verstanden werden, voranzutreiben.

INREES veröffentlicht die vierteljährliche Zeitschrift „Inexploré“, organisiert große Konferenzen, betreibt eine Webseite über diese Themen und publiziert Bücher. Aus der Perspektive der Psychologie, der Spiritualität und der Wissenschaften bietet INREES eine völlig neue Sichtweise an die es erlaubt, außergewöhnliche Erfahrungen zu verstehen und zu analysieren. Da wir uns in einer Zeit befinden in welcher ständig neue Wissensgebiete zu Tage treten, bemüht sich INREES, einen seriösen Rahmen anzubieten, in welchem über Wissenschaft und Spiritualität, über die neuesten Ergebnisse der Bewusstseinsforschung, sowie über Überlegungen über das Leben und den Tod debattiert werden kann – mit dem Ziel, in einer wissenschaftlichen und rigorosen Weise eine Brücke zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt zu schlagen… ohne Tabu oder Vorurteile, sondern mit Neugier und einer offenen Einstellung.

Zudem beherbergt INREES das „Réseau INREES“ (Netzwerk INREES), welches dazu dient Menschen, die eine außergewöhnliche Erfahrung erlebt haben, eine fachliche Hilfe anzubieten, um diese Erfahrungen bestmöglich in ihr Leben zu integrieren.
http://www.inrees.com/decouvrir_1.p...

„Klinisches Handbuch der Aussergewöhnlichen Erfahrungen“ (Manuel clinique des expériences extraordinaires)

Nahtoderfahrungen, Nachtodkontakte, Bewusstsein der Todesnähe, OBEs (Außerkörperliche Erfahrungen), luzide Träume, schamanistische Erfahrungen, psycho-spirituelle Erfahrungen, Besessenheit, außersinnliche Wahrnehmung (PSI)… handelt es sich dabei um Interpretationen ? Glaubensvorstellungen ? Halluzinationen ? Realität ?

Außergewöhnliche Erfahrungen führen uns in ein Grenzgebiet des menschlichen Geistes, ein Raum, wo man leicht seine Anhaltspunkte verliert. Sie lösen zwei entgegengesetzte Reaktionen aus: Ablehnung oder Faszination. Eine Distanzierung ist jedoch notwendig um sich nicht in persönlichen Glaubensvorstellungen zu verlieren, oder in den Überzeugungen unseres Umfeldes oder gar in jenen opportunistischer Gruppierungen. Das „Klinisches Handbuch der Außergewöhnlichen Erfahrungen“, unter der Leitung von Stéphane Allix und Paul Bernstein, erlaubt diese notwendige Distanzierung (InterEditions/INREES, 2009, 411 Seiten).
http://manuel.inrees.com/

Mein Beitrag zum „Klinischen Handbuch der Außergewöhnlichen Erfahrungen“
Ich hatte das Vergnügen, drei der elf Kapitel dieses Handbuchs zu verfassen.
Inhaltsverzeichnis:

— Kapitel 1: Was ist eine außergewöhnliche Erfahrung ?
— Kapitel 2 : Psychopathologie
— Kapitel 3: Nahtoderfahrungen (NDEs) von Evelyn Elsaesser-Valarino
— Kapitel 4: Bewusstsein der Todesnähe von Evelyn Elsaesser-Valarino
— Kapitel 5: Nachtodkontakte von Evelyn Elsaesser-Valarino
— Kapitel 6: OBE (Ausserkörperliche Erfahrungen) von Paul Bernstein
— Kapitel 7 : Luzide Träume von Paul Bernstein
— Kapitel 8 : Durch Drogen induzierte veränderte Bewusstseinszustände von Olivier Chambon
— Kapitel 9 : Psycho-spirituelle Erfahrungen von Djohar Si Amed
— Kapitel 10: Besessenheit von Isabelle de Kochko und Djohar Si Amed
— Kapitel 11: Außersinnliche Wahrnehmungen (PSI) von Erik Pigani
http://manuel.inrees.com/

Meine erste Berührung mit NTEs

Meine erste Begegnung mit dem Phänomen der Nahtoderfahrung ereignete sich in den Achtziger Jahren und sollte sowohl hinsichtlich meiner Überzeugungen als auch meiner Tätigkeiten entscheidend sein. Wie Millionen andere Leser auf der Welt kam auch ich mit den NTEs erstmals durch Moodys Buch „Leben nach dem Tod“ (1979) in Berührung. Mir war sofort klar, dass die Berichte der Nahtoderfahrenen viele meiner grundlegenden Fragen beantworteten, während sich mir dadurch mindestens ebenso viele neue Fragen stellten. Die Beschreibungen dieser anderen Welt, welche eigenartigerweise der unsrigen sehr ähnelt, wenngleich sie völlig unser Vorstellungsvermögen übersteigt, führten mich zu der Annahme, dass man diesem faszinierenden Phänomen nicht gerecht werden würde, wenn man es eins zu eins übernehmen würde. Die darauf folgenden Jahre sollten mir Recht geben: je mehr man sich mit NTEs beschäftigt, desto stärker tritt ihre Komplexität zu Tage.

Heute bin ich davon überzeugt, dass es falsch wäre, diese Vorstellungen allzu wörtlich zu nehmen. Ich denke, dass ein im Sterben begriffener Mensch sich in einer Dimension befindet, die sich ihm auf eine Weise zeigt, die er verstehen kann, da sie von Natur aus für den menschlichen Geist nicht verständlich ist.
Ich glaube, dass es diese andere Welt gibt, dass sie genauso „real“ ist wie unsere, aber dass sie sich so sehr von allem unterscheidet, was ein Mensch sich vorstellen kann, dass sie sich ihm in Bildern zeigt, die ihm vertraut sind. In gewisser Weise passt sich diese andere Wirklichkeit an den Menschen an. Die Nahtoderfahrenen erzählen von verstorbenen Angehörigen, die sie empfangen haben und die sie auf Anhieb erkannt hatten. Es ist denkbar, dass diese Wesen ein Äußeres angenommen haben, das dem der Menschen ähnelt, ohne es wirklich zu sein, so dass die Nahtoderfahrenen sie erkennen konnten. Ich glaube in der Tat, dass sich diese Wesen in der anderen Welt befinden, aber in einer Form, die sie nicht hätten verstehen können, wenn sie sich ihnen nicht auf eine Weise gezeigt hätten, die den sterbenden Menschen vertraut ist. Aber vielleicht ist auch nur die Art und Weise menschlich, wie sie das, was sie erlebt haben, wiedergeben, sie ist zwangsläufig menschlich, weil sie ja als Menschen vor uns stehen, um uns davon zu erzählen.

In den Achtziger Jahren fand man zahlreiche Bücher mit Berichten von Betroffenen und auch schon einige wissenschaftliche Arbeiten zu diesem Thema, aber was mir fehlte, um meinen Überlegungen weiter nach zu gehen, war ein interdisziplinärer Ansatz: Was mochte wohl ein Quantenphysiker, ein Philosoph oder ein Biologe über NTEs denken? Da ich kein solches Werk finden konnte, beschloss ich, das Buch, das ich lesen wollte, selbst zu schreiben. „Erfahrungen an der Schwelle des Todes“, zuerst 1995 in der deutschen Ausgabe erschienen und in sechs Sprachen übersetzt, ist eine Sammlung von Interviews mit Universitätsprofessoren unterschiedlicher Fachrichtungen, welcher eine detaillierte Beschreibung des Phänomens der NTE und ihrer Auswirkungen vorangeht.

Meine Begegnungen

Meine erste Begegnung im Jahre 1992 mit Kenneth Ring – amerikanischer Psychologieprofessor Emeritus und eine internationale Kapazität auf dem Gebiet der NTE-Forschung - war in vielerlei Hinsicht wegweisend. Großherzig empfing er mich in seinem Haus in der Nähe der Universität von Connecticut, um das längste Interview seiner gesamten Laufbahn zu geben, wie er es schelmisch nannte. In der Tat konnte ich bei unserer Unterredung, die einen ganzen Tag lang dauerte, einen vollständigen Überblick über seine zahlreichen Untersuchungen und Forschungen gewinnen und seine persönlichen Schlussfolgerungen und innersten Überzeugungen herausfiltern, die in „Erfahrungen an der Schwelle des Todes“ veröffentlicht wurden.

An diesem sonnigen Tag ist eine tiefe Freundschaft entstanden, der selbst Zeit und weite Entfernungen nichts anhaben konnten, sowie eine fruchtbare Zusammenarbeit, die in der gemeinsamen Verfassung von „Im Angesicht des Lichts“ ihren Höhepunkt fand. Das Buch wurde in zehn Sprachen veröffentlicht.

Meine Vorstellung von den NTEs wurde durch zahlreiche hoch interessante Gespräche bereichert, die ich seit vielen Jahren mit den renommiertesten Forschern auf diesem Gebiet führen darf. Wir haben das Vergnügen, uns regelmäßig bei unserer Teilnahme an Kongressen oder beim Start gemeinsamer Projekte überall auf der Welt wieder zu sehen. Die fröhlichen Stunden, die wir zusammen verbringen, sind von Freundschaft und einer gemeinsamen Leidenschaft geprägt. Unsere Gespräche sind anregend, aber was mir wesentlich erscheint, ist die Tatsache, dass wir uns alle voll und ganz einer echten und nachhaltigen Vorgehensweise verschrieben haben, geleitet von dem beständigen Wunsch, die NTEs besser zu verstehen, um jenen, die eine solche Erfahrung gemacht haben, besser helfen zu können. Außerdem werden wir durch diese faszinierende Erforschung der Nahtoderfahrungen mit unserem Schicksal als Mensch konfrontiert, und es wird uns ermöglicht, intensiv über unser Werden über die uns bekannten Grenzen hinaus nachzudenken.

Ich danke all den Nahtoderfahrenen, die mir das Geschenk gemacht haben, mit mir diese für ihr Leben so wichtige Erfahrung zu teilen. Die Begegnungen mit ihnen sind jedes Mal ergreifend, beeindruckend und lehrreich.
Für sie ist die Nahtoderfahrung eine Verletzung, ein Versprechen und eine Segnung zugleich.
Sie ist eine Verletzung, weil die Nahtoderfahrenen mit einer großen Sehnsucht nach dieser anderen Dimension leben müssen und eine komplizierte Wiedereingliederung in ihren Alltag zu bewältigen haben. Gleichzeitig ist sie ein Versprechen, verankert in ihrer unerschütterlichen Gewissheit, dass sie am Ende ihres irdischen Lebens in diese bessere Welt zurückkehren werden, und schließlich ist sie eine Segnung, die ihnen eine neue Wertvorstellung und ihrem Leben einen echten Sinn beschert. Ich lasse mich jedes Mal erneut mit Freude von ihrer intensiven Suche nach der Wahrheit mitreißen, und bei jeder neuerlichen Begegnung bin ich von ihrer unglaublichen Fähigkeit zu lieben beeindruckt.

Meine Auslegung der NTEs

Im Laufe der Jahre hat sich mein Interesse für die NTEs immer mehr verstärkt, so dass sie heute ein wesentlicher Teil meines Lebens sind. Ich denke, dass diese Erfahrung an unser tiefstes Inneres rührt, da sie aus dem Kern der Menschen selbst stammt und es dabei um ihr Schicksal geht. Da es sich bei den NTEs um ein komplexes Phänomen handelt, müssen bei ihrer Erforschung auch verschiedene wissenschaftliche Fachrichtungen berücksichtigt werden. Die Psychologie ist dabei ebenso gefordert wie die Quantenphysik; die Neurologie soll untersuchen, was im Gehirn vorgeht, wenn man stirbt bzw. klinisch tot ist; durch geschichtliche Studien lässt sich aufzeigen, dass auch früher schon zahlreiche NTEs stattgefunden haben; die Ethnologie legt uns offen, wie erstaunlich ähnlich diese Erfahrung von vielen Völkern unserer Erde erlebt wird, die Anthropologie unterstreicht ihre holistische Natur. Durch die NTEs beschäftigen wir uns mit faszinierenden Dingen wie dem Bewusstsein oder wir fragen uns, wie das Gedächtnis eigentlich funktioniert. Ich bin davon überzeugt, dass die Forschung ermöglichen wird, den Schleier, der das Mysterium der NTEs verhüllt, immer mehr zu lüften, aber ich glaube auch, dass die endgültige Antwort auf diese Fragen mit einem bestimmten Bewusstseinszustand verbunden ist, der erreicht wird, wenn man dem Tod nahe ist und nur unter diesen Bedingungen zu Tage tritt.

Meine Interpretation der NTE als Gesellschaftsphänomen

Inwiefern stellen die NTEs ein Gesellschaftsphänomen dar?
Die Nahtoderfahrungen, die von Millionen von Menschen auf der ganzen Welt erlebt werden, verwandeln sie tief greifend und nachhaltig und verändern ihre Sicht der Welt und der Gesellschaft. Aufgrund ihrer Häufigkeit und ihrer Folgen handelt es sich um ein Gesellschaftsphänomen mit zahlreichen Auswirkungen.

Im Bereich der Psychologie entwickeln sich die Folgen der NTEs im Laufe der Zeit. Zunächst geht es darum, die Erfahrung in sein Leben zu integrieren, was sich generell als schwierig erweist und sich über mehrere Jahre hinziehen kann. Der Nahtoderfahrene ist häufig sehr empfindlich, denn er hat – soeben knapp dem Tode entkommen - ein schweres Trauma erlitten. Nach der Todesnähe ist sein körperlicher Zustand infolge der Krankheit oder des Unfalls, die ihn beinahe das Leben gekostet hätten, oft kritisch. Die Schwierigkeiten, mit anderen über seine NTE zu sprechen, stellen ihn ebenfalls vor ein großes Problem, denn der Wunsch, diese transzendentale Erfahrung mit seinen Angehörigen zu teilen, stößt schmerzlich auf deren Unverständnis oder Ungläubigkeit. Die Sehnsucht nach dem Erlebten macht seinen Alltag düster, der Drang nach einer neuen Lebensweise ist heftig, aber noch nicht konkret. Eine psychologische Betreuung durch einen Therapeuten, der in NTEs und ihren Folgen bewandert ist, kann sich ebenfalls als notwendig erweisen.

Ist der Prozess des Integrierens einmal abgeschlossen, treten sämtliche Auswirkungen der NTEs zutage. Professor Kenneth Ring beschreibt die Kraft der psychischen Heilung durch die NTEs im Leben von Menschen, die verzweifelt waren oder gar versucht haben, sich das Leben zu nehmen (Ring, 1991). Nach einer NTE werden Krankheiten besser ertragen, psychische Leiden wie Depressionen oder Drogensucht, an denen einige Menschen vor ihrer NTE litten, können verschwinden. Die Betroffenen sind zuversichtlicher, neurotische Ängste, die vor der NTE bestanden, schwinden (Schröter-Kunhardt, 1993). Studien belegen, dass keine der befragten Personen nach ihrer NTE, welche sich bei einem Selbstmordversuch ereignet hatte, erneut versucht hat, sich das Leben zu nehmen, da die Betroffenen davon überzeugt waren, dass dieser Versuch deshalb gescheitert war, damit sie ihr Leben umgestalten und ihm einen Sinn geben konnten.

Bei der psychotherapeutischen Betreuung im Allgemeinen spielen NTEs eine bedeutende Rolle, die allmählich in der wissenschaftlichen Literatur diskutiert wird. Es ist vorteilhaft, die Frage über die Stellung des Menschen in einer immer mehr entmenschlichten Gesellschaft, die so weit von den Werten entfernt ist, die die NTEs vermitteln, im Lichte der Lehren der NTEs zu erörtern, welche eine neue spirituelle Perspektive eröffnen.

Einige Therapeuten nutzen NTEs, um bei ihren Patienten Selbstmordgedanken zu bekämpfen und erzielen dabei bemerkenswerte Ergebnisse (Winkler, 2003).
Die Persönlichkeitsveränderungen infolge einer NTE werden manchmal mit einer augenblicklichen und absolut erfolgreichen Psychoanalyse verglichen, welche die Ergebnisse, die man mit Psychotherapien zu erreichen erhofft, weit übertreffen (Schröter-Kunhardt, 1993).

Die sozialen Auswirkungen der NTE sind vielfältig. Die Nahtoderfahrenen leben ihre neuen Wertvorstellungen auf eine Weise, die ihre Mitmenschen daran teilhaben lässt, ihre Lebensfreude überrascht, sie strahlen Mitgefühl und Hingabe aus und ihr Vertrauen ins Leben und ihre Überzeugung, dass das Bewusstsein nach dem körperlichen Tod weiterlebt, beruhigen. Studien belegen, dass nicht nur Menschen, die eine NTE erlebten, sich auf die eben genannte Weise verändern, sondern dass sich dasselbe Phänomen in geringerem Maße ebenfalls bei Personen ereignet, die sich für NTEs interessieren - ohne dass sie selbst eine erlebt hätten – sie haben sich von diesem Phänomen sozusagen „anstecken“ lassen. Diese Menschen zeigen dieselben Veränderungen ihrer Wertvorstellungen, ihres Weltbildes und ihres Glaubenssystems. Sie verlieren ebenfalls die Angst vor dem Tod und zeigen sich zunehmend überzeugt davon, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Je mehr sich das Wissen über diese Erfahrungen zu verbreiten beginnt und je mehr Menschen mit NTEs vertraut werden, desto mehr lässt sich ein sekundäres Massenphänomen beobachten – und das ohne jene Menschen zu berücksichtigen, die dank der technisch immer besser ausgereiften Wiederbelebungsmaßnahmen eine Nahtoderfahrung erleben werden. In diesem Sinn haben wir den Ausdruck geschaffen, dass die NTE wie ein „gutartiger Virus“ ist, mit dem man sich anstecken kann (Ring und Elsaesser-Valarino, 1998).

Ebenso stellt sich die Frage, in welchem Ausmaß und in welcher Form NTEs bei der Sterbebegleitung eine Rolle spielen können. Um diese „Anwendung“ der NTEs geht es in meinem Roman „Engelchens Land“. Auch bei der Trauerverarbeitung können NTEs auf bedeutsame Weise helfen, indem sie eine neue Perspektive bieten und viel Trost spenden.

Der soziopolitische Aspekt der NTEs wird nicht oft erwähnt, aber er erscheint mir dennoch offensichtlich. Auf gewisse Weise sind NTEs umstürzlerisch, da sie ein ganzes Bündel an Werten schaffen, die sich völlig von jenen unterscheiden, die in unseren derzeitigen materialistisch geprägten Gesellschaften vorherrschen. Sie sind insofern umstürzlerisch, als sie zum postmodernen Gedankengut im Widerspruch stehen. Die Auswirkungen der NTEs legen nahe, dass einige Lehren der spirituellen Traditionen oder die universalen Aspekte der religiösen Traditionen auch heute noch zutreffen. Bei vielen Menschen lösen NTEs Unbehagen aus, da ihre Botschaft absolut nicht unserer modernen Denk- und Funktionsweise entspricht. Aber die Tatsache, dass sich Nahtoderfahrungen weiterhin ereignen, dass ihr Phänomen hartnäckig weiter besteht – ein Phänomen, das im Übrigen immer mehr Bedeutung erlangt – all das heißt vielleicht tatsächlich, dass wir erleben werden, wie sich ein paar der postmodernen universellen Ideen im Sinne eines Einschlusses der spirituellen Dimension verändern werden (Ring und Elsaesser-Valarino, 1999).

Der neurologische Aspekt ist insofern von Bedeutung, als er die grundlegende Frage aufwirft, ob NTEs ein Produkt des menschlichen Gehirns sind oder ob letzteres nur das empfängt und aufzeichnet, was bei einer Nahtoderfahrung geschieht, während man klinisch tot ist. Das medizinische Paradigma, demzufolge der Geist zwangsläufig nur eine Funktion des Gehirns ist, wird inzwischen angezweifelt. Der Kardiologe Pim van Lommel ist der Ansicht, dass „die Annahme, dass Bewusstsein und Gedächtnis bloß eine Funktion des Gehirns sind, nicht erwiesen ist, da es bis heute keinen wissenschaftlichen Beweis dafür gibt, dass es für alle Aspekte des subjektiven Erlebens auch entsprechende Nerven gibt“ (Van Lommel, 2004). Allmählich entstehen neurophysiologische Modelle.

Die Medizin ist durch die erstaunlichen Heilungsmöglichkeiten gefordert, die nach einer NTE auftreten können. Diese Gaben entwickeln sich häufig langsam, im Laufe der Zeit. Derzeit verfügen wir nur über wenige wissenschaftliche Forschungen und einige statistische Daten. Die australische Soziologin Cherie Sutherland hat insbesondere die Intuition (60% vor der NTE gegenüber 95% danach) und die Gabe des Heilens (8% vor der NTE gegenüber 70% danach) untersucht (Sutherland, 1989). Der Begriff Heilen bzw. Heilung wird von diesen Nahtoderfahrenen umfangreicher verstanden, für sie handelt es sich dabei nicht nur um eine bloße Verbesserung des Gesundheitszustandes, sondern auch um eine positive Lebenseinstellung. Es gibt zwei Arten der Heilens: das Heilen durch Gefühle (emotional healing), basierend auf dem Glauben, dass das Bewusstsein nach dem Tod weiterlebt, dem Verlust der Angst vor dem Tod, dem Mitgefühl, den Emotionen, der Intuition und der Liebe; und das körperliche Heilen (physical healing), das meist durch Handauflegen erfolgt, wodurch es zu einer Energieübertragung kommt, sowie durch Visualisierung und Beten (Long, 2005).
Ich für meinen Teil bin davon überzeugt, dass alle Menschen im Verborgenen diese Fähigkeiten besitzen und dass eine Bewusstseinserweiterung, wie sie sich bei einer NTE ereignet, ausreicht, um dieses natürliche Potential zu aktivieren, das den Menschen eigen ist.

Erwähnen wir noch einige Fälle, in denen es nach einer NTE zu einer spontanen, sozusagen wundersamen, Heilung kam. Bis heute wurde keine einzige konsequente wissenschaftliche Untersuchung durchgeführt, die sich mit diesen Fällen beschäftigt hätte, aber die Betroffenen sind davon überzeugt, dass sie vom „Lichtwesen“ geheilt wurden. Diese Auswirkungen der NTEs, die noch ziemlich mysteriös sind, eröffnen viel versprechende Perspektiven und werfen die Frage, welchen Einfluss der Geist auf den Körper hat, noch stärker auf.

Die Quantenphysik kann direkt mit der NTE-Forschung assoziiert werden. In der Tat sind sich zahlreiche Physiker darüber einig, dass Nahtoderfahrungen einem Phänomen der Quantenphysik gleichkommen. Es wurden bereits mehrere Modelle entwickelt, ich werde hier aber nur jenes von Professor Régis Dutheil (Arzt und Professor für Physik und Biophysik) nennen, welches detailliert in „Erfahrungen an der Schwelle des Todes“ behandelt wurde. Er stützt sich bei seiner Hypothese auf ein Modell, bei dem das Bewusstsein ein Feld tachyonischer – „überlichtschneller“ -Materie und Teil des wahren fundamentalen Universums ist, von dem unsere Welt nur eine unterlichtschnelle holographische Projektion darstellt. Er ist der Ansicht, dass es mathematisch gesehen unbestritten möglich ist, dass noch ein anderes, ein weiteres und einziges - überlichtschnelles - Raum-Zeit-Kontinuum existiert. Die Schnittstelle zwischen diesen beiden Welten wäre demnach das, was Relativisten als Lichtkegel bezeichnen, auf dessen Oberfläche sich das Licht, die Photonen und die anderen Teilchen, die sich mit Lichtgeschwindigkeit fortbewegen, ausbreiten. Die Grenze zwischen diesen beiden Universen wäre eine gemeinsame Zone, die wahrscheinlich aus Photonen besteht. Professor Dutheil hat ein Modell entwickelt, bei dem er davon ausgeht, dass sich das Photon aus einem überlichtschnellen und einem unterlichtschnellen Teil zusammensetzt. Laut seiner Hypothese wären NTEs für die Menschen der Übergang von der unterlichtschnellen in die überlichtschnelle Welt. Dieser Übergang soll aus verschiedenen Phasen bestehen. Das Passieren des dunklen Tunnels würde in seinem Modell dem Durchbrechen der Lichtmauer entsprechen. Er ist der Ansicht, dass im Augenblick des Übergangs das partielle Bewusstsein des Menschen, der im Sterben liegt und eine NTE erlebt, die Lichtmauer durchbricht und dabei Teilchen, die sich mit Lichtgeschwindigkeit fortbewegen, also Photonen, aufnimmt. Es wird dabei selbst zu Licht und nimmt alles, was es umgibt, als dunkel wahr. Sein Modell enthält auch Erklärungen zu anderen Aspekten der NTE, wobei es nicht zweckmäßig erscheint, an dieser Stelle näher darauf einzugehen. (Dutheil und Elsaesser-Valarino,1995)

Die Philosophie: Michel Lefeuvre, Professor für Philosophie, hat versucht, den NTEs ein ontologisches Statut – ein Statut der Wahrheit - zu verleihen und sie dadurch in eine allgemeine Bewusstseinstheorie zu integrieren. Indem er eine Parallele zu Prousts Madeleine-Episode aus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ zieht, sagt er: „Mich interessiert hier nicht so sehr das ausdrückliche Urteil, das doch Kennzeichen des Geistes ist - denn nur der Geist kann vergleichen, unterscheiden, urteilen -, sondern es ist vielmehr die Tatsache, dass das Gehirn sowenig Bedeutung hat in dem Augenblick, da das Bewusstsein vollständig in Berührung mit sich selbst ist, mit seiner Spiritualität, seinem innersten Wesen, weil das, was das Bewusstsein gewöhnlich von ihm selbst trennt – die Materialität der Dinge, die Dichte der Ereignisse, die Raum-Zeit der Welt – irgendwie aufgehoben wird; es ist sogar, als erlaubte die Unterbrechung der Gehirnaktivität dem Bewusstsein, sich in der Fülle des Seins zu erreichen. Daher der Eindruck der Erweiterung, der Dehnung in diesem Augenblick des auf ihn konzentrierten intensiven Vergnügens, von dem Proust erzählt.“ Und er schliesst mit den Worten: „Tod und Geburt sind die beiden entgegengesetzten Pole desselben Mysteriums, denn bei der Geburt ist es der Geist, der sich wunderbarerweise im Fleisch verkörperlicht, während es beim Tod der Geist ist, der ebenso rätselhaft aus dem Fleisch entweicht. Die Verkörperung ist ebenso schwer vorstellbar wie die Entkörperlichung. Und doch hat die Verkörperung stattgefunden. Die Nahtodeserfahrungen eröffnen eine Perspektive auf die Entkörperlichung.“ (Erfahrungen an der Schwelle des Todes, 1995).

Mein Roman „Engelchens Land“

Ich habe „Engelchens Land“ in der Absicht und mit dem Wunsch geschrieben, die aktuellen Erkenntnisse der wissenschaftlichen Forschung auf dem Gebiet der NTEs den Menschen zugänglich zu machen, die mit einer schweren Lebenskrise konfrontiert werden.
Bis heute wurde „Engelchens Land“ in acht Sprachen publiziert, zwei weitere Übersetzungen sind im Druck.

Auf den ersten Blick ist „Engelchens Land“, in der Ichform erzählt, die Geschichte eines jungen Mädchens, das schwer krank wird. Der Leser findet sich in den Gedanken der Erzählerin wieder und taucht immer tiefer ein in ihre Geisteswelt, ihre Gedanken und Gefühle, während das Unglück seinen Lauf nimmt. Das junge Mädchen zieht den Leser hinein in seine Krankheit und die damit verbundenen Höhen und Tiefen, er wird sein Reisegefährte und mit ihm und mit den Menschen in seinem Leben innig vertraut und verbunden. Die Qual des Mädchens wird schließlich zur Qual des Lesers, aber so macht er sich auch all die Dinge zu eigen, die es lernt, während es kämpft, um das, was ihm da zugestoßen ist, zu verstehen. Und plötzlich stellt der Leser fest, dass die wichtigsten Botschaften diese Einsichten und dieses Wissen sind, die die Erzählerin nach und nach erlangt. Zu Beginn der Handlung scheint sie ein ganz normales Mädchen zu sein, aber so wie sich seine Krankheit entwickelt, so entwickelt sich auch das Mädchen selbst – in seinem Wissen, seinem Charakter. Zuletzt erlangt es einen hohen Grad spiritueller Weisheit dank seiner Puppe Engelchen und dank eines Leidensgenossen, der eine Nahtoderfahrung erlebt und sie ihm auf eindrucksvolle und mitreißende Weise schildert.

Die wissenschaftliche Forschung auf dem Gebiet der NTE, die bei weitem noch nicht abgeschlossen ist, ermöglicht schon jetzt einige „praktische Anwendungen“ oder bescheidener ausgedrückt, sie lädt uns dazu ein, die Schönheit und die Lehren dieser transzendentalen Erfahrung mit den Menschen zu teilen, die einen unmittelbaren und konkreten Nutzen daraus ziehen können.

Abgesehen von der intellektuellen Herausforderung, die die NTEs an uns stellen, sollen die Erkenntnisse, die wir heute über das komplexe Phänomen und die Auswirkungen der NTE besitzen, jenen Menschen helfen, die unmittelbarer mit den Grenzen des menschlichen Lebens konfrontiert sind. Die neuen Perspektiven, die uns die NTEs eröffnen, eine sanftere Vorstellung vom körperlichen Tod, die sie nahe legen, die Hoffnung, die sie über die bekannten Grenzen hinaus schaffen, sollen – falls erwünscht – Kranken, Sterbenden oder Trauernden, oder noch allgemeiner gehalten, allen Menschen zur Verfügung stehen, die für die Endlichkeit des menschlichen Schicksals empfänglich und bereit sind, sich damit auseinanderzusetzen.



© Evelyn Elsaesser-Valarino
All rights reserved